Und starb wie ein Hund…

Mit einem Traum waren wir losgezogen. Wir ließen unser  altes Leben zurück. Von einem Tag auf den anderen wurden aus raufenden Knaben schießwütige Soldaten. Wir tauschten Federhalter gegen Flinte, Tinten- gegen Pulverfass. Wir wurden hinausgeschickt in eine Welt, die wir nicht kannten, einen Krieg zu kämpfen, von dem wir nichts verstanden.

Angetrieben von den Sporen und Peitschen der Propaganda wurde mobil gemacht. Millionen Tonnen Kriegsgerät schoben sich an die Grenzen und die Schornsteine der Manufakturen trieben dichten Rauch durch die Städte des Landes. Das Militär rekrutierte. Durch die Gassen schossen die Parolen der Regierung wie die Salven der Gewehre, die man uns  in die Hand drückte. Wir zogen hinaus an die Front, unsere Herzen voll kindlicher Naivität, voll indoktriniertem Glauben an die richtige Sache, die all den Tod, all den Schmerz zu rechtfertigen, ja gar notwendig scheinen ließ.

Auf wen wir schossen entschied lediglich die Farbe der Uniform, ob Kind, ob Greis, die Uniform schuf Freund und Feind. Den Namen, den uns unsere Eltern gaben, legten wir ab, das Leben, das uns damit verband ließen wir zurück. Das Militär gab uns ein Gewehr und eine Nummer. Die Nummer tötete, die Nummer kämpfte und verzweifelte, die Nummer schrie  all den Schmerz in die trostlose Hölle der Schützengräben hinaus, wo die Klagen ungehört verhallten, untergingen in dem Chaos aus Stahl, Feuer und Blut.

Nun sterbe ich und die Welt um mich herum verschwimmt. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne mich, doch ich wage es nicht loszulassen. Doch was lasse ich zurück? Eine trauernde Familie, eine Welt in Schutt und Asche und die Welt, wie ich sie glaubte zu kennen, ist nur noch eine blasse Erinnerung, ein vergangener Fiebertraum, so wie ich es morgen sein werde.

„Werdet ihr auf mich warten? Jeden Tag aus dem Fenster blicken, ohne eine Nachricht? Gebt ihr auf? Irgendwann vielleicht? Werdet ihr mich vergessen? Oder irgendwann gar vergessen wollen? Weil jeder Gedanke an den verlorenen Sohn marternd ins Fleisch schneidet und die Hoffnung nicht wie Balsam lindert, sondern wie Salz in der Wunde brennt?

Vielleicht findet man mich, und in einigen Tagen oder Wochen wird ein Beamter einen Stempel auf meine Akte drücken und sie könnte bei Seite gelegt werden. Dann wird  euch ein mit Orden geschmückter Offizier einen Besuch abstatten. Er wird euch beibringen müssen, dass euer Sohn verstorben sei. Und während er seine Hand tröstend und doch so distant auf eure Schultern legt wird er sagen: „Ihr Verlust tut mir aufrichtig Leid, Familie K. wirklich Leid, wahrlich schrecklich so etwas, doch das Vaterland wird es ihm nie vergessen. Ihr Sohn war ein Held, Ja, Ja ein wahrer Held.“ Dann wird er euch die Hand zum Abschied reichen, den Kopf senken und noch ein kurzes Wort des Trostes verlieren, ehe er geht und eine andere Familie aufsucht, um mit den gleichen leeren Worten sein Beileid zu bekunden.

Vielleicht wird man mir auch einen Orden verleihen. Den werdet ihr dann einrahmen und über den Kamin hängen. Und wenn dann einmal Besuch kommt, so wird dieser sagen, „Ach Herrje, Herr K. ich wusste ja gar nicht, dass sie gedient haben. Sie sind ein Held, Ja, ja wirklich ein Held. Das Land kann stolz auf sie sein.“ Und dann werdet ihr traurig, wendet euren Blick ab und erzählt die Geschichte eures tapferen Sohnes. Dann wird auch der Besuch seine Beileidsbekundungen aussprechen, doch das Mitleid wird nicht mir gelten, sondern euch. Ihr, die armen, die ihren Sohn verloren haben. Mich hat er nie gekannt, ich bin nur ein Orden, ein weiteres Opfer des Krieges. Wahrscheinlich ist der Krieg bis dahin vorbei und wir haben gewonnen. Ich habe nur verloren, alles und jeden, doch vor Allem mich selbst.

Selbst meine Schlafnische, die ich  in den gefrorenen Boden des Schützengrabens gegraben habe, wird morgen von einem anderen besetzt sein. Vielleicht freut  sich der Glückliche  gar meines Todes, denn auf einen Toten kommt es nun auch nicht mehr an. Ob Feind, ob Kamerad, das spielt längst keine Rolle mehr.

Und irgendwann werden die Gesichtsbücher wieder alles besser wissen. Wieder wird man sagen „Wahrlich schrecklich diese Zeit. Wirklich grausam, sehr unschön. Doch sehen sie uns heute an. Wir sind daran gewachsen, das ist ja schon so lange her.“  Und irgendwann wird man wieder  Pamphlete drucken lassen und an die Fassaden und Litfaßsäulen der Städte kleistern.  Und wieder wird mobil gemacht werden. Wieder werden patriotische Phrasen durch die Gassen zucken, wieder wird Abschied genommen, wieder werden die Schornsteine qualmen, wieder werden aus Kindern Soldaten und wieder werden Familien traurig den Orden über dem Kamin aufhängen, auf dass sie ihren Sohn nie vergessen.“

Original Wordorgys and other Misspellings (perhaps the maddest thing I’ve ever written)

Der dadaistische Anfall eines Freundes:

fatcatkampot

Hope you understand this bred, at least through our somewhat common
genetic
predispositions to thought processes. Gets a little insane, I guess
intentionally so, but still quite disturbing. A comprehensive
understanding
of the German language is presented, with emphasis on morphology and
many
examples of wordorgys, thus somewhat boring in the scientifically
contributive way. Myself, I used it for practice in communicating
Lufthansa
fascist airlines in a tongue designed to custom Nazi
intelligence/intelligibleness levels assessed through endearing
encounters,
by a group of hallucinating linguists laired in my minemetmind. Enjoy or

read my, more famous work in fiction. This text is of intentional
scientifically specific nature.  Read at own risk of complete confusion
of
perceptive conventions.

Suggestions for communication improvement. Without explanation, as that
would take all night, which I don’t mind foregoing, only I have to be at
the
hospital with mom tomorrow. If any questions arise or you have…

Ursprünglichen Post anzeigen 2.069 weitere Wörter

Böse Geister

Sie kamen bei Nacht

Und legten sich zu ihm

Mund zu Ohr

und murmelten

Worte wie Werkzeuge

Hämmer und Scheren

Lötkolben und Meißel

Gingen ans Werk

Kappten Leitungen

Verbanden sie neu

Stürzten Gebäude

Bauten andere

Bis dort eine Welt stand

Die es vorher nicht gab

Eine kalte Welt

Voller Angst

Und Worte wurden Augen

Lippen und Ohren

Stirn und Kinn

Das Gesicht eines Freundes

Erhaben und still

Reglos schwebte es

Und der Freund sprach:

Ich kenne dich nicht mehr

Nr. 31

Schwer ist es ein Haus zu bau’n im Sturm der Zeit
Wo Lärm und Wind den Ansatz jedes Plans zerstreut
Wo man nach hinten blickt und nur Ruinen sieht
Und vor einem nur Nebel durch die Lande zieht

Auch wenn ein jeder glaubt, er tue was er kann
So widersteht sein Haus dem Sturm doch meist nicht lang
Denn ganz egal wie man seinem Geschick vertraut
Ein jedes Haus ist Hier auf Träumen aufgebaut

Ein mancher hasst sein Heim und zieht doch niemals aus
Gar manche sind gefang’n in eines andern Haus
Ein schwaches Herz, das mehr zu woll’n nicht wagen darf
Vor’m Sturm geschützt zwar finden sie doch keinen Schlaf

Ein paar arbeiten Tag und Nacht ein Leben lang
Und fangen hundert mal wieder von vorne an
Betreten endlich glücklich ihrer Seele Haus
Und hauchen ihren letzten Atem aus.

Diener des Herrn: Erzählung

Cover Diener des Herrn

Die neueste Erzählung Diener des Herrn von J. Westphal gibt es hier im Kindle Shop!

Der junge Pfarrer P steckt in einer Krise. Seine Kirchengemeinde bewegt sich nirgendwohin, es fehlt ihm an notwendiger Energie, er hat sich in eine Sackgasse manövriert.
Als ein Besucher aus seiner Vergangenheit ihm eine geheimnisvolle Substanz anbietet, lässt er sich auf ein Experiment mit unabsehbaren Folgen ein.

Leseprobe:

»Es roch nach ungewaschenen Haaren im ganzen Büro. Eine Hand voll dicker, fast weißer Dreadlocks verbanden sein gegenüber schwulstig mit dem Fußboden. Der junge Pfarrer und der Althippie – ein ungleiches Paar. Und trotzdem gab es mehr das sie verband, als sich auf den ersten Blick erkennen lies. Sie stammten beide aus derselben Stadt am Rhein und hatten gemeinsame Freunde. Das hatte sie am Ende trotz ihrer so unterschiedlichen Lebenswege zusammengebracht.
Dirk war immerhin ein alter Schulfreund seines Patenonkels. Trotzdem könnte er sich die Matte mal wieder waschen. P sammelte seine Gedanken, versuchte das Bild verwesender Kadaver zu verdrängen und fragte Dirk: „Was bringt dich zu mir?“ Genug Smalltalk, es war Zeit zum Punkt zu kommen.
„Ich habe ein paar Fragen zu Begräbnissen und so. Wollte erst aufs Amt, aber du weisst ja wie ungern ich mich an den Haufen wende. Also hat dein Onkel mir die Adresse deines Pfarrhauses in deiner neues Gemeinde gegeben. Und hier bin ich!“, er grinste zufrieden.
„Was willst du genau zu Begräbnissen wissen? Und gibt es einen besonderen Anlass, warum du gerade jetzt auf das Thema kommst?“, im zweiten Teil schlug P seinen Seelsorgertonfall an.
„Ich habe das Ganze schon lange vorgehabt, aber immer verdrängt. Was soll ich sagen? Der Husten wird nicht mehr besser, eher blutiger, wenn du verstehst… Früher oder später packt es eben doch jeden an den Eiern. Da kommen Fragen auf, die ich für lange beantwortet hielt. Und ganz neue. Zum Beispiel: Wo werden sie mich verscharren, sobald die Garantie für all das hier, abgelaufen ist.“, in einer ausgiebigen Geste wanderte seine Hand einmal über sein rotes Gesicht, den blonden, buschigen Schnauzer, das Doppelkinn, bis zum deutlich hervortretenden Bauchansatz. […]«

Überall nur Menschen

überall nur menschen cover I

Den neuen Gedichtband gibt es hier im Kindle Shop!

Kurzbeschreibung

„Überall nur Menschen“ entstand zwischen 2012 und 2015 in insgesamt fünf Ländern.
Der zweiteilige Gedichtband (Kläffende Köter & Superposition) fängt Momente aus dieser bewegten Zeit ein.

Die ausgiebigen Reisen haben den Eindruck verstärkt, der schlussendlich Titel wurde: „Überall nur Menschen.“ Egal wie weit man reist, wohin man zieht, überall erwarten einen Menschen, mit ihrer Geschichte, ihren Stärken und Schwächen, mit ihrer Menschlichkeit. Ob das gut ist, sei dahingestellt, aber fest steht: Es ist schwer den Menschen ganz zu entkommen und noch schwerer ganz ohne sie zu leben.

Das Gedicht ist Ausdruck von purer Verinnerlichung – Äußerung des Verborgenen, ein Gefäß das Wasser aus einem Brunnenschacht schöpft.

Auszug:

Unmöglich

Die Verschiedenheit sein.
Für- und Wider vereinen.
Das Alles und das Nichts im Moment erleben,
und trotzdem der Begrenztheit huldigen.
Eine nicht ausgelebte Idee –
Pusteblume im Kosmos.
Eilen und sterben.
Der Mensch folgt und vergeht.
Die dritte Kippe in Folge,
die Lunge stöhnt auf.
Den Sprung in die Wirren des Absurden wagen.
Licht und Schatten in der Pfütze aus deinem Blut auf dem Kopfsteinpflaster.
Pisse bis zum Knöchel.

Lichtspiel

Ich entspannte. Mit jedem Schritt fühlte ich mich etwas leichter, mein Atem wurde ruhiger, meine Brust entkrampfte.
Ich folgte einer alten Steintreppe den Hügel hinauf, meine Hand glitt wohlig das kalte Messing des des Geländers entlang. Durch das Blätterdach über mir fielen immer wieder kurze, scharfe Lichtblitze in meine Augen und in ihrer hilflosen Überforderung schickten die Zäpfchen mir das wildeste Farbenspiel ins Gehirn. Rot, grün und blau tanzten einen wilden Reigen durch meinen Schädel, sprangen durcheinander, umeinander herum und ineinander hinein, gebaren neue Farben: gelb, orange, lila! Immer bunter und wilder wurde dieses tolle Treiben und voller gebanntem Entzücken sah ich, wie sich fantastische Bilder aus dem Chaos erhoben, Bilder von so großer Klarheit, so real wie es der Realität nur selten gelingt. Nur ein paar Sekunden lang blieb mir ein Bild, bis es sich verwandelte, etwas Neues, noch Schöneres, Entzückenderes wurde.
So erinnere ich mich an ein Kürassier-Regiment im springenden Galopp, das mit gezogenen Säbeln auf breiter Front auf mich zupreschte. Die silbernen Harnische leuchteten wie von innen heraus, die blauen Helmfedern waren stolz in die Höhe gereckt, eine braune Wolke folgte ihnen über das Mohnfeld, dessen rote Blüten wie Bluttropfen erschlagener Feinde schienen. Als der Zeitpunkt des Aufpralls hätte kommen sollen, geschah nichts; das Regiment ritt durch mich hindurch, die Staubwolke umfing mich. Nein, keine Staubwolke. Millionen von braunen Herbstblättern begannen mich zu umkreisen, wie Planeten ihre Sonne. Einzelne rote Blätter drängten sich hinein, vom Himmel her gesellten sich olivgrüne dazu. Immer schneller und schneller umflogen mich die raschelnden Blätter, sodass ich bald nur noch eine Wand um mich sah, doch auch die wandelte sich: aus dem Wechselspiel der prächtigen Erdtöne begann sich ein neues Bild zu formen. Erst war es mir, als sähe ich ein paar Augen, tannengrün, die mir sehnsüchtig entgegenblickten. Dann formte sich um die Augen herum ein Gesicht von sanftem braun, kirschrote Lippen, fuchsrotes Haar. Ich sah das Mädchen meiner Träume vor mir Gestalt annehmen und ich sah in ihr Herz hinein: sie liebte auch mich! Da beugte ich mich vor und wollte ihre Lippen küssen, als das Bild zerfloss und mir in dicken Klumpen von Ölfarbe vor die Füße fiel. Beinahe sofort wurde aus diesem wirren Gekleckse etwas wieder Anderes. Ein Prachtsaal, würdig eines Kaisers von Europa lag als Bild vor mir und mit einem beherzten Schritt ging ich hinein, in der Hoffnung, mein Mädchen dort vielleicht wieder zu sehen.
Oh, wie prächtig dieser Saal. Die Wände waren von strahlend weißem Marmor und zauberhafte, ja wahrlich magische Fresken schmückten die Decken; es wanden sich dort die nackten Leiber prächtig schöner Menschen und wilder Tiere im unschuldigen Spiel miteinander. Nichts Perverses oder Unschickliches sah ich dort, im Gegenteil das Schönste, das Ideal, die Welt an ihrem ersten Tag. Mein Blick verweilte einige Zeit an diesem Wunder, dann bekam auch der Rest des Saales meine Aufmerksamkeit.
Roter, schwerer Brokat verhing die Wände zur einen Seite, auf der anderen viel durch hohe Bleiglasfenster vielfarbiges Licht auf den Boden. Durch ein kreisrundes, dunkelblau getöntes Fenster fiel ein Bild herein, das wie die Öffnung eines Brunnens aussah. Ich ging näher heran und schaute hinein. Da waren wieder die Augen! Aus tiefster Schwärze strahlten mir zwei Smaragde entgegen und ohne einen weiteren Gedanken sprang ich in den Brunnen. Fast augenblicklich flog ich in hohem Bogen aus dem anderen Ende dieses Brunnens auf ein spätsommerliches Maisfeld, das mich mannshoch in alle Richtungen umstand und im Wind sanft hin und her wogte. Sattes Gold glänzte unter einem wasserblauen Himmel und auf dem Rand des Brunnens sitzend ließ ich mir dieses friedliche Bild eine Weile gefallen. Da kam plötzlich Bewegung in das Feld und plötzlich brach eine Horde lachender Kinder in meine Lichtung herein. Sie hielten kleine papierne Windräder in Händen und jagten einander um den Brunnen herum. Immer wieder blieb eines der lieblichen Geschöpfe vor mir stehen, sprang auf und ab und versuchte mich zum Mitmachen zu ermutigen. Doch ich lächelte nur milde und sah dem lustigen Treiben zu. Immer mehr Kinder strömten auf die Lichtung ein, bis diese irgendwann zum Bersten voll war von fröhlichem, übermütigen Spiel. Ich lachte und klatschte zur Erheiterung der Kleinen, die mich strahlend ansahen und ich fühlte ein tiefes Glück in meinem Herzen, das nur durch eines hätte gesteigert werden können, welches nur wenige Sekunden später geschah, als hätte ich es beschworen. Durch den Reigen der Kinder hindurch erblickte ich plötzlich wieder die grünen Augen, das ebenmäßige Gesicht, die fuchsroten Haare. Am Rande der Lichtung stand mein Mädchen und lächelte mir zu. Ein warmer Schauer ging durch meinen ganzen Körper und langsam erhob ich mich vom Rande des Brunnens. Den Kindern entging die Veränderung nicht und unwillkürlich hielten sie in ihrem Spiel ein. Sie bildeten eine Gasse, sodass ich dem schönsten aller Geschöpfe direkt gegenüberstand. Sie trug ein Kleid von demselben tiefen grün wie ihre Augen und blickte mich weiter an, mit dem Zeichen der höchstempfundenen Liebe in ihrem Antlitz. Da lachte sie plötzlich hell auf und zwinkerte mir keck zu. Dann wirbelte sie herum und verschwand im Maisfeld. Sofort sprang ich ihr hinterher und folgte dem grünen Glanz in das Feld. Sie war schnell, aber ich rannte ebenso schnell hinterher. Hin und wieder drehte sie den Kopf zu mir zurück und überzeugte mich mit ihren blitzenden, lachenden Augen, dass dies ein Spiel und keine Flucht war. Diese kurzen Momente erlaubten es mir, näher heranzukommen und fast hätte ich sie erreicht, als das Feld endete und mir die Sonne mit blendender Gewalt in die Augen stach…

Ich stieß mit einer dunklen Gestalt zusammen, denn die Treppe war sehr eng und, geblendet wie ich war, hatte ich sie nicht kommen sehen. Das kleine Waldstück war hier zu Ende und der Rest der Treppe hoch zu der kleinen Kapelle lag auf freiem Felde. Es war spät am Nachmittag und so schien die Sonnen dem Verträumten unerwartet ins Gesicht.
Mein Gegenüber musste sich kurz an mir festhalten, um nicht hinzufallen und lachte kurz auf, ein helles Frauenlachen. Meine Unachtsamkeit war mir sehr peinlich und ich entschuldigte mehrmals, doch die noch immer mir als bloße Silhouette Sichtbare, winkte ab. Sie wünschte mir einen schönen Tag, die Aussicht von der Kapelle aus sei wunderschön. Dann ging sie an mir vorbei und die Treppe herunter. Ich setzte mich auf eine der Stufen und wartete, bis meine Augen wieder einigermaßen zu gebrauchen waren. Ich ließ sie der Silhouette den Hügel hinab folgen. Nach und nach nahm diese klarere Konturen an und auch Farben konnte ich wieder unterscheiden. Die junge Frau trug einen tannengrünen Mantel, der ihr bis zu den Knien reichte. Ihr Haar leuchtete mir noch aus einiger Entfernung fuchsrot entgegen. Als die Treppe um eine Biegung ging, blieb sie noch einmal kurz stehen und wandte den Blick nach oben zurück, also hätte sie erwartet, dass ich noch dort sein würde.
Zwei grüne Blitze trafen mich, hell funkelnde Smaragde. Einige Zeit lang blickte sie mich direkt an, was ihr Gesichtsausdruck sagte, konnte ich aus dieser Entfernung nicht erkennen. Mein Herz schlug schneller. War es Zorn, Ekel, Angst, was sie in diesem Moment empfand, war es vielleicht die Liebe, die mir das Lichtspiel prophezeit hatte? Ich war bis zum Äußersten gespannt, halb verrückt zwischen Angst und Hoffnung. So vergingen einige Momente vollkommener Stille, bevor sie ein Auge schnell schloss und wieder öffnete und dann um die Biegung verschwand.
Augenblicklich sprang ich auf, erfüllt von größtem Glück. Dann rannte ich die Treppe herunter und Million bunter Flecken säumten meinen Weg.

D.S.

Ein Widerfahrnis

Georg Wart hatte ihnen zugehört. Aufmerksam und durchaus interessiert. Geschlagene Stunden lang. Zwischenzeitlich belebend, dann zermürbend, langatmig – intellektuelle Wixxerei! Fruchtbare und verfahrene Diskussionen. Der Zug fuhr in den Bahnhof ein – Endstation. Nun erhoben sie sich alle samt. Der Mann, der ständig unter Hochspannung gestanden hatte, musterte ihn. Ihm war nicht entgangen, dass Georg Wart zugehört hatte, ihm und dem Rest der Gruppe. Sie verließen den Zug und traten heraus auf den Bahnsteig. Er konnte es sich nicht verkneifen. Es juckte ihn auf der Nasenspitze, beim Anblick der Frauen im Schritt. Er ließ seine Hände wo sie waren. Eine an der Reisetasche, die andere in der Jackentasche vergraben. Dann wendete er sich der illustren Gruppe zu.

„Wenn ich bitten darf?!“

Er ließ keine Zweifel zu, dass er sich nicht den Raum nehmen würde, um zu Wort zu kommen. Seine Stimme war fest und entschlossen. Deutlich zu verstehen.

„Ich kann ihnen nicht zustimmen. Der Empirismus und der Pragmatismus erneuern sich ständig selbst. Sie sind die Windmühlen des Scheins. Natürlich gibt es pure Subjektivierungen. Die Wissenschaft, die sie betreiben, will die Voraussage und die Kontrolle des Zukünftigen.“

Er besaß ihre Aufmerksamkeit und konnte nachlegen. Ein Feuer das mit trockenem Reisig gespeist wird.

„Ich ist eine Konstruktion. Wir müssen sie vor uns selbst liebenswürdig gestalten, ihr eine lebensschaffende Bejahung zu Grunde legen, weil wir vor uns selbst Achtung haben wollen. Den Aufstand der Negativität erdrücken. Die unterschwellige Angst des wartenden Unglücks. Wir wollen eine Konstruktion sein, die andere lieben, die andere begehren, die andere respektieren. Die Furcht vor der entblößenden Dekonstruktion überwinden. Das Sein zum Tode überkommen. Die Entsetzlichkeit hinter uns lassen. Möglichst unbeschadet. Dabei immer wieder unvorhersehbare Kurswechsel. Klein und groß. Vom Menschen ausgelöst. Auf einmal gab es die beweisführende Mathematik. Ereignisse. Überschreitende Ereignisse, die unsere Grenzen neu definieren. Auswege, Ergänzungen, Verfeinerungen. Ein austariertes Kontinuum sein in dem Tohuwabohu des Universums, fußend auf Nichts. Fähig zur lebensbegeisternden Selbstverständlichkeit. Eine menschliche Stätte unserer eigenen Wahrheiten sein. Eine bestäubte Narbe, standhaft im Taumel, gefestigt in der Verwüstung. Freude versprühend, Lust erlebend. Voller Essenz und Klarheit.“

Georg Wart atmete merklich inne. Ein kleiner Ausbruch aus dem beherrschten Schweigen und Hülsendreschen. Mitten im Bahnhof. Früher Abend. Mehr war es nicht gewesen. Die Menschen um ihn schwiegen. Er nickte ihnen zu, wartete, ob jemand etwas sagen würde, doch sie blieben still. Er ging zwei Schritte zurück und kehrte ihnen den Rücken zu, setzte seinen Weg fort. Er hatte sich nicht weit entfernt, da erreichte sein Ohr der Schall von wiederhallenden Schritten. Es war die Frau im Hosenanzug.

„Ich will ihnen etwas sagen. Der verinnerlichte Traum der Liebe errettet den Mensch vor dem erschöpfenden, schwarzen Nihilismus. Zumeist kommt ersterer von den Frauen und letzterer von den Männern. Haben sie den Mut ersteres zu wagen.“

P.B.

Wartezimmer

Der Vorhof zum Wunderheiler. Man wartet ergeben auf Heilung. Das Einzige, was diese heterogene Gruppe von Menschen vereint ist ihre Krankheit und der Ort, an den sie sie getrieben hat. Das Starren der Anderen.

Das Wartezimmer leert sich langsam. Mit jedem aufgerufenen Namen kommt eine weitere Sitzflaeche in dem muffigen, hell beleuchteten Raum zum Vorschein. Ein Kleinkind spielt zoegerlich mit Baukloetzen, haelt immer wieder inne und blickt mit grossen, unglaeubigen Augen in die Gesichter der Wartenden reihum. Alle anderen sind stumm und schauen ins Leere. Ab und an unterbricht ein unterdruecktes Raeuspern oder ein vorsichtig bewegter Fuss die Stille. Ein Neuankoemmlich setzt sich und reiht sich ein in das, wie aerztlich verschriebene, Dikatat der Ruhe. Das Atmen faellt schwer in so einer Atmosphaere und man beginnt sich vorzustellen, wie in jedem Atemzug mehr Bakterien als Sauerstoff in den Koerper stroemen. Unbeholfen einen Schritt vor den naechsten setzend, tabst das kleine Kind zurueck zu seiner Mutter. Einige der Anwesenden grinsen. Warum laecheln sie? Weil das Kind sie einen Moment vergessen laesst, dass sie, die hier Sitzenden, Kranke zweiter Klasse sind. Auch wenn alle, die vor ihnen im Wartezimmer schwiegen, aufgerufen worden sind, dauert es noch „einen Moment“, „etwas“, „ein bisschen“. Sie werden gebeten hier Platz zu nehmen und nicht auf den Stuehlen im Flur, weil sie damm sehen und nicht nur ahnen wuerden, wie viele Kranker erster Gueteklasse durchgewunken werden. Die Illusion der rechtmaessigen, gerechten Reihenfolge, die Autoritaet der Warteschlange, will gewahrt werden. „Einen Moment noch!“

J.W.